Hintergrund

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Christianes Blog hebammechiapas.wordpress.com

Wahrscheinlich bist Du nicht zufällig auf diese Internetseite gestoßen sondern weil Du Christianes Blog hebammechiapas.wordpress.com liest. Dann hast Du schon einen guten Überblick und eventuell kennst Du Christiane auch persönlich. Falls dies nicht so ist, schau bitte unbedingt Christianes Blog an.

Mehr zu Christiane und Stefan, den Initiatoren dieser Website findest Du hier.

Wie alles begann

Christiane war bereits von Januar 2012 bis April 2012 in San Cristóbal, im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Christiane ist Hebamme und arbeitete dort als Voluntärin im Hogar Comunitario „Yach’ il Antzetic” (“Gemeinschaftshaus “Neue Frauen”) , einem Frauenhaus für indigene schwangere Frauen in Not. Im September 2013 kehrte sie dorthin zurück, nun für fast ein Jahr und noch bis Juni 2014.

Bereits damals lernte sie Maria und ihre Kinder José Luis und Iromi kennen. Maria arbeitet im Hogar und so waren 2012 und sind auch jetzt Christiane und Maria Kolleginnen auf Zeit. Da sich auch José Luis und Iromi täglich im Hogar aufhalten, bekam Christiane einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse nicht nur der Frauen, die im Hogar Hilfe suchen sondern auch in die Marias und ihrer Familie.

Mit Hilfe der Texte, die auf dieser Seite zusammengetragen sind, kannst auch Du Dir gleich selbst ein Bild machen.

Vorab noch einige Gedanken:
 Maria hat zwar das Glück, eine Ausbildung als Krankenschwester zu haben und auch eine Arbeitsstelle im Hogar. Dies bedeutet aber keineswegs, eine finanzielle Sicherheit zu haben. Mehr dazu findet Ihr im Text vom 03.10.2013.

Außerdem sollte man immer im Hinterkopf haben, dass Maria und ihre Kinder einem indigenen Volk angehören. Als solche werden sie in ihrem eigenen Land Mexiko häufig diskriminiert (Infos hierzu z.B. bei der Gesellschaft für bedrohte Völker). Eine höhere Schulbildung erreichen Angehörige der indigenen Völker eher selten, noch seltener studieren sie und so gut wie nie besetzen sie dann später einmal einflussreiche Posten in der Wirtschaft oder Politik. Hinzu kommt noch die Stellung insbesondere der indigenen Frauen in Mexiko an sich, dazu muss an dieser Stelle wohl nicht mehr ausgeführt werden.

Besonders Christianes Blogbeiträge über ihre Besuche in den Dörfern machen die prekäre Lage dieser Menschen deutlich (so z.B. im Beitrag vom 26.11.13 oder im Beitrag vom 14.12.13 und siehe auch diese Meldung bei Spiegel Online).

Somit ist die Familie von José Luis gleich mehrfach benachteiligt.

Mach Dir ein Bild

José Luis und seine Familie

Erstmals berichtete Christiane in Ihrer Rundmail vom 18. Februar 2012 über José Luis:

„Wir sind ja im Hogar fast nur Frauen, außer Mike, einem Psychologiestudenten aus Puebla, der für 5 Monate hier ein Voluntariat macht und Jose Louis, dem 12 jährigem Sohn von Maria Hernandez, ein scheuer Junge, der mir immer etwas verloren in dem ganzen Weiber- und Kinderhaufen erscheint, als einziger im Alter zwischen Kind und Jugendlichem.

José Luis im Alter von 12 Jahren

José Luis im Alter von 12 Jahren

Da hier immer und mit allen viele Späße getrieben werden, ist auch er öfter Mode und wird recht viel geneckt, manchmal frage ich mich, ob das nicht ein bisschen zu viel ist für einen Jungen dieses Alters, von den ganzen Frauen aufgezogen zu werden und er tut mir leid. Ich weiß auch, dass er ja diesen Vater hatte der immer betrunken war und Maria erzählte mal, dass, als sie den noch nicht rausgeschmissen hatte, dieser Vater seinen Sohn immer entweder völlig ignoriert oder beschimpft hat.

Jedenfalls, ich mag Jose Louis und wollte ihm eine Freude machen, aber was? Ich fragte ihn “José Louis, bist du eigentlich noch ein Kind oder schon ein Jugendlicher?“ Er meinte, „Weiß nicht“. „Ok“ sagte ich „dann entscheide ich, Du bist heute ein Kind“ und gab ihm auch Schokolade „obwohl ich mir vorstelle, dass es schwer für dich ist immer nur unter diesen ganzen kleinen Kindern…“ „Hmmm…“ brummte er. Ich sagte ihm, dass ich mit ihm mal losgehen will um mit ihm ein Geschenk auszusuchen und er sich überlegen soll was er sich wünscht. Er war verlegen, er guckt mich eigentlich nie direkt an und meinte nur „Hmmm“. Ich fragte ihn dann 2 Tage später, ob er schon weiß, was er möchte, er sagte ja. „Was denn“ fragte ich, da meinte er, er hätte es vergessen… Er ist wirklich sehr schüchtern, natürlich werden wir auch immer wieder aufgezogen über unsere Verabredung… Seitdem beobachtet er mich immer, wenn er meint ich merke es nicht. Am Montag nach der Schule werden wir losgehen :))“

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Aus Christianes Blogeintrag vom 03.10.13

Christiane und Mary warten bei einer Blutspendeaktion:

„Mary Hernandez, eine der (traditionellen) Hebammen aus dem Hogar und ich … warteten etwa 4 Stunden, währenddessen erzählte mir Mary ihre halbe Lebensgeschichte.

Mary ist eine Indigena. Sie verließ mit 12 Jahren ihr Elternhaus und ihr Dorf, weil ihr Vater sie nicht weiter auf die Schule schicken wollte. Sie wollte lernen um Lehrerin zu werden!

Maria Hernandez

Maria Hernandez

Mary ging in die Stadt ohne ein Wort spanisch zu verstehen, fand eine Stelle als Dienstmädchen, lernte spanisch und ging über viele Jahre abends zur Schule. Sie hatte großes Glück, denn die Familie in der sie lebte und arbeitete unterstütze sie.

Als sie mit 26 Jahren die Ausbildung beginnen wollte, wurde sie schwanger und war deshalb sehr unglücklich, denn die Schwangerschaft machte ihren Traum zunichte.

Ihren Freund kannte sie erst kurz, er ging in die USA als sie im 2. Monat war und sie hörte nichts mehr von ihm. Eigentlich wollte sie kein Kind bekommen. Abtreibung ist aber in Mexico verboten. Mit Medikamenten oder pflanzlichen Mitteln einen Abbruch der Schwangerschaft zu provozieren wollte sie nicht riskieren, aus Angst dem Ungeborenen zu schaden, falls es nicht klappen würde.

Sie bekam ihren Sohn und wieder hatte sie Glück: nach der Geburt fand sie ins Hogar, konnte eine Krankenschwesternausbildung machen und irgendwann begann sie im Hogar zu arbeiten.

Wie hätte sie sonst wohl überlebt, in Mexico, als alleinstehende Mutter, ohne Unterstützung der Familie?

Nach 7 Jahren kehrte der Vater des Kindes zurück, sie lebten 2 Monate zusammen und wieder wurde sie schwanger. Es dauerte nicht lange, bis ihr klar wurde, dass der Vater ihrer Kinder ein gewalttätiger Alkoholiker ist. Später erfuhr sie, dass er deswegen aus den USA ausgewiesen worden war. Er verschwand als sie im dritten Monat war, kehrte nach der Geburt der Tochter sporadisch zurück, schwor Besserung, trank jedoch weiter, bedrohte Frau und Kinder und zerlegte regelmäßig die Wohnungseinrichtung. Mary, mittlerweile hatte sie eine Psychotherapie begonnen, flüchtete mit den Kindern ins Hogar, nachdem er den Sohn tätlich angegriffen hatte, ihre Therapeutin alarmierte die Polizei und der Mann wurde festgenommen, da Mary ihn anzeigte. Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, bedrohte und belästigte er sie regelmäßig, im Wechsel mit Bitten, wieder bei ihr einziehen zu dürfen. Um die Kinder kümmerte er sich nie und Alimente zahlt er bis heute nicht.

In den letzten Monaten haben seine Attaken nachgelassen, alle paar Monate steht er vor der Tür, will die Kinder sehn und beklagt sich, dass sie kein großes Interesse an ihm zeigen. Gerade gestern war er wieder da.

Mary sagt, es schmerzt sie vor allem für die Kinder, am meissten für Jose Luis, der, jetzt 13 Jahre alt, im Hogar unter all den Frauen groß wird, die Gewalt von Männern erfahren haben und dem nicht nur ein Vater fehlt, sondern überhaupt ein Mann, an dem er sich orientieren kann. Sie macht sich Sorgen, er ist so introvertiert, mag kaum aus dem Haus gehn um sich mit Freunden zu treffen, lernt ganz viel und will am liebsten Jura studieren oder Psychologie oder Mathe… Aber wie soll Mary das Schulgeld aufbringen? Auch Iromi, die kleine Schwester kommt nächstes Jahr in die Schule.

Mary und ihre Kinder sind mir schon letztes Jahr ans Herz gewachsen, Jose Luis besonders, sofort habe ich gespürt, dass er ein ganz besonderer und außerdem hochbegabter Junge ist. Einmal, ich wollte was mit ihm machen, mal allein, ohne all die Frauen, Babys und Kleinkinder, fragte ich ihn, „Worauf hast Du Lust, was wolln wir machen?“ Er wollte in die Bibliothek, um zu erfahren wie er sich dort Bücher ausleihen kann und danach in die Uni! Ich war perplex! In die Uni, mit 12! „Was willst du mal werden?“, fragte ich ihn, er sagte, er wolle Jura studieren, und dafür sorgen, dass es gerechter in der Welt zugeht.

Dies und die Geschichten einiger anderer Frauen, die in letzter Zeit im Hogar Hilfe gesucht hatten erzählte mir Mary, während wir darauf warteten, ob wir als Spender in Frage kämen.

Marys Leben ist insofern ungewöhnlich, dass sie es geschafft hat, sich ein eigenes Leben aufzubauen, unabhängig von ihrer Familie. In den meissten Fällen ist das den Frauen nicht möglich, sie schaffen es nicht, ohne ihren Familienverband zu leben, wirtschaftlich, aber auch emotional nicht. Das Allein-Sein scheint hier gleichzeitig ein Isoliert-Sein zu bedeuten und davor haben die Menschen noch mehr Angst als vor Unterdrückung und Gewalt, damit werden sie groß, das kennen sie.

Mary hat durch ihre Arbeit im Hogar eine Anbindung gefunden. Trotzdem ist ihr Leben nicht gesichert, denn das Weiterbestehen des Hogar steht immer wieder in Frage, da die Arbeit nicht durch den Staat getragen wird, sondern immer wieder Projektfinanzierungen gesucht werden müssen, in Spanien und auch in Deutschland. Seit der Wirtschaftskrise ist die Finanzierung nicht mehr gesichert, immer wieder arbeiten die Frauen monatelang ohne Gehalt, in der Hoffnung, dass Sandra, die Koordinatorin, es wieder schafft, Gelder aufzutreiben. Auch fließen dem Hogar sporadisch Spenden zu, z.B. aus Soliveranstaltungen, die ehemalige Voluntärinnen (FSJ) in Deutschland organisieren. Die Eigenfinanzierung ist schwierig, all die kunsthandwerklichen Sachen die die Frauen im Hogar herstellen sind für einen gerechten Preis schwer in San Cristóbal zu verkaufen, denn zwar gibt es hier viele Touristen, aber auch ein riesiges Angebot an Kunsthandwerk auf dem täglich stattfindenden Markt und in den Geschäften und in der Innenstadt laufen unzählige indigene Frauen und Kinder herum und versuchen ihre Sachen zu verkaufen.

Das Leben ist unwägbar, wahrscheinlich deshalb plant man hier auch kaum voraus – bzw. werden ständig Pläne gemacht, aber es kommt dann sowieso alles ganz anders. Man kümmert sich um die aktuell wichtigen Sachen. Ich finde das einerseits erstaunlich entspannt, andererseits auch ungewohnt und manchmal anstrengend, wenn ich nicht wirklich viel planen kann, im Moment hab ich damit noch kein Problem, aber ich erinnere mich, dass ich das im letzten Jahr öfter mal frustrierend fand – auch die Freizeit ist eben nicht sicher planbar, es kommt immer wieder mal Arbeit dazwischen ;-)…“

Hier findest Du den kompletten Blogeintrag vom 3.10.2014

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Das Interview

Im November 2013 führte Christiane mit José Luis´ Mutter Maria ein Interview. Es wurde Ende Januar 2014 in Christianes Blog veröffentlicht. Christianes Anmerkungen stehen kursiv in Klammern.

Christiane: Mary, bitte erzähl mir doch von deinem Leben, über deine Familiensituation und von Jose Luis.

Maria, Iromi und José Luis Hernandez

Maria, Iromi und José Luis Hernandez

Mary: Ja, also ich glaube, es gibt vieles zu erzählen über meine Situation, über mein Leben, meine Familie, den Vater meiner Kinder… also – gut, als erstes: mein Name ist Maria, ich bin 40 Jahre alt und habe 2 Kinder (Jose Luis, 14 Jahre und Iromi, 5 Jahre) und ich bin alleinstehende Mutter, mit der Unterstützung ihres Vaters kann ich nicht rechnen, er hat mir praktisch seit meiner Schwangerschaft mit meinem ersten Kind Jose Luis in keiner Weise geholfen.

Er kommt ab und zu und sieht die Kinder; ich sehe es so: er ist ihr Vater und ich kann ihn nicht vor meinen Kindern verstecken. Es ist besser, wenn sie ihn kennen. Jose Luis, versteht inzwischen besser was mit seinem Vater los ist. Irgendwie, finde ich, hat sein Vater Schuld an der Situation in der wir stecken – ich hab das Gefühl, ich hab alles gegeben, bis dahin meine berufliche Entwicklung hintenanzustellen (als sie schwanger wurde).

Christiane: Du hast mir mal erzählt, dass er 10 Jahre jünger ist als du.

Mary: Ja! Ich war 26 als Jose Luis geboren wurde und er war erst 16! Ich kannte ihn seit er 14 war. Ach Chris, ich wollte gar nichts mit ihm anfangen, er war ja viel zu jung! Aber wir waren jeden Tag zusammen, wir hatten uns sehr gern und als ich dann in Comitan war (eine Stadt etwa 2 Stunden entfernt, in der Mary während ihrer Krankenschwesternausbildung einige Monate Praktikum hatte) kam er immer wieder zu mir um mich zu besuchen…

Christiane: Wie hast Du ihn denn kennengelernt?

Mary: Er hatte die gleiche Geschichte wie ich. Er war auch aus seinem Dorf abgehauen um in der Stadt weiter zur Schule zu gehen. Wir haben in demselben Haus gewohnt, also, er hat in derselben Familie gearbeitet wie ich. Wir waren praktisch ständig zusammen. Und wir mochten uns sehr.

Als ich merkte, dass ich schwanger bin… Ayy, Chris, es war schrecklich… Ich sagte zu ihm, ich bin schwanger, was sollen wir jetzt machen! Er wollte auf keinen Fall ein Kind haben, er ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel.

Nach ein paar Wochen war mir immerzu schlecht und ich musste mich übergeben, die Patrons (die Frau bei der Mary wohnte und arbeitete) wusste sofort was mit mir los war, sie fragte mich „Wer ist der Vater?“ Oh, es war schrecklich, sie schimpfte mit mir „Wie konntest du nur schwanger werden, du weißt doch genau Bescheid, du bist Krankenschwester! Und dann von diesem Jungen, das gibt’s doch nicht!“ Sie war sehr wütend und ich schämte mich furchtbar! Sie verlangte, dass wir heiraten!

Ich fühlte mich schrecklich, mein Bauch wurde immer dicker und der Vater von Jose Luis hatte sofort was mit einer Muchacha (Mädchen) angefangen, die auch im Haus arbeitete, er leugnete der Vater zu sein und sie waren beide sehr aggressiv zu mir und verlangten, dass ich rausgeschmissen werde. Aber ich war schon 14 Jahre in dem Haus und die Patrona war auf meiner Seite. Sie schickte schließlich die beiden weg ins Nachbarhaus.

Jose Luis Vater wollte von seinem Sohn nichts wissen, er ging irgendwann in die USA und kam erst zurück, als Jose Luis 7 Jahre alt war. Er besuchte uns und sagte es täte ihm leid und er wolle doch mit uns zusammen sein, eine richtige Familie gründen und noch ein Kind haben. Ich vertraute ihm, wir haben eine kurze Zeit zusammengelebt und er begann, sich wie ein zweites Kind zu benehmen, eifersüchtig und rebellisch. Aber ich war sofort wieder schwanger geworden. Ich realisierte erst nach einer Zeit, dass er Alkoholiker war! Wenn er betrunken war, war er sehr aggressiv. Also, es hat überhaupt nicht funktioniert, es ging uns sehr schlecht. Ich habe immer wieder mit ihm geredet, ich habe gesagt, ich helfe dir, mach eine Therapie! Manchmal sah es so aus, als wolle er sich ändern. Aber es wurde immer schlimmer und er war wütend auf mich, weil ich verlangte, dass er das trinken sein lässt. Später habe ich erfahren, dass er in den USA im Gefängnis war und sie ihn dann ausgewiesen hatten.

Das alles war eine – nun – nicht sehr angenehme Erfahrung für mich… naja, es hat mir insofern geholfen, dass ich realisieren musste, es geht einfach nicht, es geht nicht… Mittlerweile will ich es auch nicht mehr.

Ich hatte mir immer gewünscht ein anderes Leben zu führen, Christi. Mein Traum war, eine gut bezahlte Stelle zu finden. Immer hab ich davon geträumt; wenn ich einmal Kinder habe, werde ich ihnen das Beste geben! Nicht, dass ich ihnen alles hinten und vorne reinstecke, sondern in dem Sinne, dass ich ihnen zumindest eine gute Schule und ein Studium an der Universität ermöglichen kann, wenn sie das wollen. Und nun … ich kann´s nicht, es waren nur Hirngespinste… ich kann ihnen das nicht geben. Und ich fühle mich ein bisschen… (schweigt bedrückt) … es wird immer schwieriger … (schweigt) … ich merke plötzlich … (schweigt) … was mich am meisten erschreckt: es ist nicht Traurigkeit, es ist mehr … ein bisschen Traurigkeit vermischt mit viel Angst was ich fühle.

Bald hat Jose Luis (seinen 14.) Geburtstag. Ich sage dir, ich bin soo stolz auf ihn! Er ist ein sehr intelligentes Kind, schon seit der Grundschule. Er hat schon an Landeswettbewerben (so etwas wie Mathematikolympiade des Bundesstaates Chiapas) teilgenommen und Plätze belegt. Ich bin so stolz auf ihn! Wäre nur sein Vater dabei gewesen! Andere Väter erleben das bei ihren Kindern und begleiten sie, aber ihn interessiert das nicht…

Abgesehen davon sind es aber die finanziellen Schwierigkeiten die mich hauptsächlich beschäftigen. Manchmal müssen wir zu Fuß von zu Haus in die Stadt gehen weil kein Geld mehr fürs Colectivo (Bus) da ist (Mary wohnt in einer der Siedlungen am Rand von San Cris, die Schule, der Kindergarten, sowie auch das Hogar sind in der Stadt, etwa eine Stunde Fußweg entfernt).

Jose Luis ging schon von Anfang an gern in die Schule. Schon mit 8 -9 Jahren, wenn ich fragte was er später mal am liebsten machen möchte: studieren.

Jetzt möchte er Jura studieren, oder was ihn noch interessiert – wie heißt das noch… irgendwas mit Automatisch… was mit Ingenieurwissenschaften… aber dieses Fach gibt´s hier in San Cristóbal nicht, das würde wieder noch mehr Kosten machen; Fahrtkosten, er müsste Miete zahlen, sich alleine was zu essen kaufen… ich denke JETZT schon daran, wie soll ich das machen??? Ich kann´s mir nicht vorstellen, ich sehe keine Lösung! Vielleicht bin ich auch blockiert? Vielleicht will ich keine sehn??

Christiane: Mary, Du denkst schon weit, weit voraus, ich glaube, das entmutigt Dich. JETZT ist doch erstmal wichtig, wie Du es schaffst, dass er die Prepa (sowas wie Abiturstufe) machen kann…

Mary: Ja. Ja…

Ach, Mensch, so geht das schon seit der Grundschule… ich hab immer alles drangesetzt, dass er in eine gute Schule gehen kann (hier gibt es grooße Unterschiede!…) und ihm ist das auch extrem wichtig!

Er war immer schon ein Kind „mit Köpfchen“ und jetzt ist er praktisch ein Jugendlicher – aber er benimmt sich eigentlich schon IMMER wie ein Erwachsener! Er hat immer Verständnis, nie meckert er rum oder macht irgendwelchen Mist. Er ist aufmerksam und denkt mit.

Klar, ich hab mir immer Mühe gegeben, mit den Kindern gut umzugehen, mit ihnen zu reden, ihnen alles zu erklären, sie nicht zu schlagen… Einmal hab ich ihn gehauen, er hat einfach nicht gehört und ich konnte mich nicht beherrschen… das belastet mich noch heute. Ich hab mir geschworen, das darf nie wieder passieren!

Weißt du, seit er etwa 6 Jahre alt ist hab ich irgendwie Angst, ich glaube das ist eine Macke, durch die Erfahrungen die ich gemacht habe: ich habe irgendwie Angst, dass wenn er in die Adoleszenz kommt, er sich total verändert und auf einen schlechten Weg kommt. (In den indigenen Dörfern ist es sehr verbreitet, dass die Männer sich betrinken und dann ihre Frauen, Kinder, Schwestern und Mütter schlagen.) Immer hatte ich diese Angst, bis heute! Warum? Es war ein schwerer Weg für mich, allein mit den Kindern und ich bin nicht sicher ob ich wirklich soviel Kraft hab zu verhindern, dass er abrutscht. Also, ich meine nicht, dass ich ihn kontrollieren will oder ihm vorschreiben was er zu tun hat, nein, nicht in dem Sinne. Ich glaube, das ist eher die Unsicherheit die ich in MIR trage, trotzdem ich weiß, dass ich in mir schon viel sicherer bin.

Ich denke, es hat auch ein bisschen was mit der Geschichte seines Vaters zu tun. Ich hab eben viel Angst, dass er auch mit Drogen oder Alkohol anfängt. Darüber rede ich auch immer wieder mit ihm, ich sage ihm, das die Schule und das Studium die Voraussetzung sind für einen guten Beruf, damit er dann später das Leben führen kann, das er sich wünscht, und eines Tages wenn er selbst Kinder hat, er denen dann eine weniger harte Kindheit ermöglichen kann als er sie hat.

Aber trotz all der Probleme die wir haben, weil ständig das Geld fehlt; wir sind alle drei IMMER zusammen, wir sind immer füreinander da! Und da sehe ich schon einen großen Unterschied zu meiner Kindheit!

Jose Luis hat so ein liebevolles Verhältnis zu seiner Schwester, er hilft ihr in allem.

Was mir sehr gefällt ist, er liest viel, er ist verrückt nach lesen! (Das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, in den indigenen Familien wird normalerweise nicht gelesen.)

José Luis mit seiner Schwester Iromi (5)

José Luis mit seiner Schwester Iromi (5)

Vor einem Monat kam sein Vater betrunken hier an und hat ihm 200 Peso (ungefähr 12 Euro) gegeben, die er mit seiner Schwester geteilt hat. Ich hab ihn gefragt, was er mit dem Geld machen will und er sagte, er will sich ein Buch kaufen. … (schweigt) … Es hat mich ein bisschen… (beginnt zu weinen) … manchmal… manchmal denke ich: nicht mal ein Buch kann ich für meinen Sohn kaufen… er bittet mich niemals um irgendwas, nur einmal hat er mich um ein Buch gebeten, ich konnte ihm das nicht kaufen. Er hat mich nie wieder gefragt, Chris, nicht um ein Buch, nicht um Klamotten.

Sein Vater könnte sich auch mal dafür verantwortlich fühlen, aber ich hab aufgegeben, ihn daran zu erinnern, besser ich rechne nicht mit ihm und versuche irgendwie allein mit den Kindern durchzukommen, in Ruhe und Frieden mit den Kindern zu leben. Ich will ihn auch nicht mehr einbeziehen, wenn ich mir vorstelle, dass die Kinder miterleben, in welchem Zustand ihr Vater ist, wie gleichgültig ihm das alles ist…

Ich hab irgendwie aufgegeben an Gott zu glauben, nach all dem was passiert ist, auch wenn ich noch oft zu Gott bete, dass der Vater meiner Kinder irgendwann reflektiert was er tut. Aber ich kann nicht mehr, es ist genug.

(Er hatte irgendwann die ganze Wohnung zerlegt, Mary bedroht und Lose Luis, der mit 7 Jahren seine Mutter beschützen wollte angegriffen, so dass Mary mit den Kindern ins Hogar flüchtete, die Psychologin die Polizei alarmierte und er – für ein paar Tage – ins Gefängnis kam. Seitdem kam er regelmäßig, verlangte wieder einzuziehen und gelobte Besserung oder belästigte und bedrohte Mary, seit etwa einem Jahr kommt er nur noch sporadisch.)

Er regt sich darüber auf, dass Jose Luis kein großes Interesse an ihm zeigt wenn er mal da ist, aber das ist schließlich kein Wunder. Jose Luis ist nicht aggressiv zu ihm. Aber er sucht nie den Kontakt zu seinem Vater, er weiß wo er wohnt und hat seine Telefonnummer, aber er meldet sich nicht bei ihm.

Sein Vater ruft ihn nie an oder kümmert sich um ihn, aber er erwartet das umgekehrt von Jose Luis.

Aber, Chris, das ist kein Einzelfall, ich kenne so viele Frauen denen es hier so geht.

Ich erinnere mich, als Jose Luis klein war, weinte er immer wenn er irgendwie mitbekam, was den Frauen, mit denen wir im Hogar arbeiten passiert war. Er hat all die Frauen erlebt, die vorübergehend hier (im Hogar) gelebt haben. Ich habe versucht, ihm die Situation zu erklären und die Arbeit die wir hier machen. Er fragt mich auch viel. Und er kriegt alles mit. (Die Kinder der Frauen die im Hogar arbeiten kommen nach der Schule oder dem Kindergarten, d.h. mittags ins Hogar.)

Vor kurzem, als ich mir meinen Fuß verletzt habe und es so weh tat, sagte er aus Spaß zu mir: „Atme, atme – so als wenn Du ein Kind kriegst!“ Ich dachte das gibt’s doch nicht! Ja, ich glaube er weiß viel von all dem was hier vorgeht, manchmal, wenn Sandra (die Koordinatorin des Hogar) irgendwas wissen will fragt sie IHN – und er erinnert sich an alles!

Er liest viel, eigentlich ständig (im Hogar im Internet) und er weiß alle neuen Nachrichten, die Stadtgeschichte von San Cris kennt er besser als ich. Er hat nicht viel Lust rauszugehn, ich sage ihm immer, er muss doch nicht hier drin sitzen bis ich fertig bin mit arbeiten, aber er hat keine Lust nach Haus oder raus zu gehen. Er liest und liest, er geht immer erst mit mir nach Haus, nie vorher. Er hilft auch manchmal mit im Hogar, wie letztens, als wir das große Treffen mit allen Frauen hatten – ich habe ihn um Hilfe gebeten und er wusste genau, was zu tun war.

Mich macht aber traurig, dass ich ihm dann nicht mal zum Dank ein Buch kaufen kann. Manchmal sagt er mir, Mama, ich möchte dieses und jenes Buch unbedingt lesen, es geht da und da drum und ich kenne all diese Bücher gar nicht…

Ich sage Dir, mich besorgt der Gedanke; wie werde ich das alles machen, wie soll es weitergehen wenn er studieren will! Er hat seine Träume davon was er erreichen will. Ayyy Dios mio, wie werde ich das machen…

Letztens haben sie einen Aufsatz geschrieben darüber, wie sie sich als Erwachsene sehn. Er schrieb, er möchte Jura studieren und sich dann für die Rechte der Frauen einsetzen, ich glaube, das kommt durch das was er im Hogar erlebt. Und er möchte 2 oder 3 Kinder, mehr ist nicht gut, er könne sie sonst nicht genug unterstützen und sich so um sie kümmern wie es nötig ist. Er hat schon sehr klar was er will. Wie er mit seiner Schwester umgeht! Sie ist so aufgeweckt und fordernd aber er hat eine Engelsgeduld! Er passt auf sie auf, macht ihr zu essen wenn ich nicht da bin, er ist sehr verantwortungsbewusst. Ich glaube, er ist sich bewusst, dass ich praktisch Mutter und Vater in einem bin und mich das manchmal überfordert. Manchmal bin ich sehr müde, er sagt nie, dass er keine Lust hat irgendwas zu machen oder was andres zu tun hat oder gibt freche Antworten. Ich glaube er fühlt sich für zu vieles sehr verantwortlich. Er bittet mich nur um das Fahrgeld zur Schule, nie um mehr.

Seine Schulkameraden kaufen sich öfter irgendwas zum essen, er kann das nie, er muss immer ins Hogar kommen und hier mit uns essen. Das macht mich traurig, ich fühle mich oft irgendwie ohnmächtig. Immer, immer sind wir am Limit, wir können uns nie einfach mal kaufen was uns gefällt.

Aber, weißt Du Chris, andererseits bin ich sehr stolz drauf was ich geschafft hab! Ich hab viel gelitten und trotz dieser ganzen Einschränkungen wissen wir zumindest wo wir wohnen! Ich hab mein eigenes Haus und da kann uns wenigstens keiner rauswerfen.

Christiane: Wie hast Du es geschafft, dass Du ein eigenes Haus hast, Mary?

Mary: Ayy Chris, ich sage Dir, ich habe soviel Glück! Ich habe es in der Lotterie gewonnen!

Christiane: Waaas??! Du hast WIRKLICH ein Haus gewonnen?! Ich hab noch nie jemand getroffen, der in einer Lotterie wirklich was gewonnen hat!

Mary: Ja!! Ich habe wirklich so viel Glück, immer wieder in meinem Leben! Immer sage ich, dass ich ein Glückspilz bin! (wir lachen beide, Mary umarmt mich)

Christiane: Wie bist Du auf die Idee gekommen, in einer Lotterie mitzumachen?

Mary: Das ist eine Lotterie die die Regierung macht für Arme. Man muss sich bewerben um mitmachen zu können und man muss beweisen, dass man ein Einkommen hat, es darf nicht zu hoch sein und aber auch nicht zu niedrig, sonst lassen sie einen nicht mitmachen.

Christiane: ???

20140204-083244.jpgMary: Wenn man gewinnt, bekommt man ein Haus, das die Regierung baut. Dann muss man monatliche Raten bezahlen, so wie Miete, aber wenn das Haus abbezahlt ist, dann gehört es Dir. Deshalb lassen sie nur Leute mitmachen, die ein Einkommen haben, damit das Haus auch abbezahlt wird, wenn Du nicht mehr bezahlen kannst, dann musst Du raus, und sie verlosen es neu, so geht es jetzt meinem Nachbarn… Aber mein Haus ist inzwischen abbezahlt! Ich habe jetzt alle meine Papiere! (Marys Haus ist natürlich kein „Eigenheim“ in deutschem Sinne!…)

Wir haben zwar kein Geld, aber wir haben das Haus und wenigstens wachsen meine Kinder ohne Gewalt auf. Was mir auch gefällt, obwohl wir ohne den Vater leben: dass wir gut zusammenleben, wir vertrauen uns, wir haben keine Geheimnisse voreinander. Es ist nicht so, dass jeder froh ist, wenn er den anderen nicht sieht! Wir essen zusammen, wenn ich mal nicht da bin macht Jose Luis das Essen für Iromi. Neulich sagte Jose Luis: „Wenn Du nicht da bist, dann fehlt das Herz des Hauses und das Familienoberhaupt.“ Sie wissen, dass ich die einzige bin, die sie haben…

Eine andere schmerzliche Sache ist meine (Herkunfts)Familie. Ich habe 3 Brüder, eine Schwester ist schon gestorben. Alle wohnen in einer Comunidad (indigenes Dorf), nicht weit weg, ungefähr eine Stunde. Auch meine Eltern leben da noch. Aber wir haben fast keinen Kontakt. Einerseits verstehe ich das, meine Eltern sind alt, es ist anstrengend für sie zu fahren. Ich kann nicht, es ist zu teuer. So sind wir fast ohne Kommunikation und Beziehung. Praktisch lebe ich allein mit den Kindern. Ich bin die einzige die in der Stadt lebt.

Ich wollte schon als Kind immer aus dem Dorf raus um zu studieren. Nach der Primaria hätte ich dann einen Schulweg von anderthalb Stunden in die Stadt gehabt, das wollte mein Vater nicht. „Du wirst uns nur ein Kind ohne Ehemann anschleppen!“ sagte er. Mit 12 bin ich deshalb eines Tages abgehauen. Ich konnte kein Wort spanisch, aber ich spürte eine große innere Kraft. Ich dachte, ich suche mir eine Arbeit, damit ich Geld verdiene und ich werde weiter lernen! Ich fand eine Arbeit – ich ging extra in ein Haus, wo keiner meine Sprache sprach – ich dachte, wenn ich immer Tseltal rede, wie werde ich dann Spanisch lernen und studieren können?!

Schließlich hab ich dann 22 Jahre in dieser Familie gelebt, das war fast wie meine Familie, ich hatte viel Glück mit ihnen. Wir haben immer noch Kontakt, sie mögen sehr meine Kinder! Ich hab dort gelebt bis kurz vor Iromis Schwangerschaft. Seitdem leben wir in meinem Haus.

Mein Traum war immer zu studieren, immer.

Als ich die Krankenschwesternausbildung beendete, hatte ich vor, weiter zu studieren. Ich hatte diese Energie immer in mir. Als ich dann mit Jose Luis schwanger wurde, das war wie ein Eimer kaltes Wasser über mir, ich dachte „Jetzt ist alles vorbei, alles!“ Mir war schnell klar, dass ich von Jose Luis Vater keine Hilfe erwarten konnte. Das war irgendwie das Ende, es war sehr schwer, die Schwangerschaft zu akzeptieren. Aber es hat viele innere Prozesse in Gang gesetzt, viele Veränderungen herbeigeführt. Ich habe viel geschafft, Träume sind geplatzt, aber andere Dinge haben sich ereignet – und ich bin vom Glück gesegnet – irgendwie…

Z.B., dass ich hier im Hogar angefangen habe: durch meine Krankenschwesternausbildung hatte ich nicht die leiseste Ahnung von Mitmenschlichkeit, praktisch habe ich ohne jegliches Mitgefühl meine Arbeit verrichtet, ganz kalt. Hier habe ich so viel gelernt, angefangen von meinem persönlichen Leben bis zu meiner Arbeitsweise.

Hier habe ich soviel verstanden: Frauen werden misshandelt und leiden, suchen keine Hilfe, werden vergewaltigt und geschwängert, verstoßen und mit dem Kind allein gelassen. Viele schaffen es nicht, einen Ausweg zu finden, sie kommen da nicht raus, werden immer wieder misshandelt…

Ich sagte mir; das will ich für meine Kinder anders! Immer wieder erlebte ich dieselben Geschichten und ich dachte mir; alles, aber das nicht! Deshalb hab ich es schließlich geschafft, den Vater meiner Kinder vor die Tür zu setzen.

Meine Tochter ist noch klein, da hab ich noch ein bisschen Zeit. Jose Luis ist ein Jugendlicher. Ich mache mir Sorgen, ja! Wenn die Leute hören, er hat keinen Vater: „Ah, der hat keinen Vater, na, der wird sowieso anfangen mit Drogen und saufen“ Das versetzt mich in Panik, ja! Aber ich merke, ich muss in mich gehen und reflektieren, dass das meine Ängste sind! Wenn ich mit ihm rede sagt er nur: „Mama, ich bin nicht blöd!“

Ja, es ist alles sehr schwierig – aber andererseits auch schön! Alles was wir bis jetzt geschafft haben, auch wenn wir nicht mit dem Vater zusammenleben! Ich denke, es ist wichtig, dass die Kinder ihn sehen, wenn er kommt, damit sie sich selber ein Bild machen können. Und ich sehe, dass sie ihn, trotzdem er so ist wie er ist, in irgendeiner Form brauchen, dass es für sie von Bedeutung ist, ihn zu kennen. Das ist wichtig für jeden Menschen, eine Mutter und einen Vater zu haben. Als er das letzte mal vorbeikam, sagte Jose Luis zu ihm „Hallo Papa“ – und er, obwohl er ihn sonst nicht mal begrüßt hat, hat ihn umarmt, das hat irgendwie mein Herz bewegt. Ich sehe, dass für Jose Luis sein Vater wichtig ist. Trotz alledem können wir nicht mit ihm leben. Das versteht er (der Vater) nicht.

Meine Tochter, für die ist es so normal: sie hat einen Vater, der kommt manchmal, dann freut sie sich, wenn er geht sagt sie „Tschüss Papa, lass dir´s gut gehen“ und das war´s. Sie ist dran gewöhnt, dass er nicht da ist.

Ich will nicht die Kinder gegen ihren Vater aufhetzen, das hat keinen Sinn, das vergiftet alles. Es kostet mich viel, denn ich habe nach wie vor ein Problem mit ihm, aber das ist meins.

Ich bin Mutter und Vater für meine Kinder, es gibt gar keine Frage, ich muss funktionieren, wer soll sonst für sie sorgen?

Ich trage viel Traurigkeit in mir. Ich habe Träume. Ich habe ein Haus, was noch immer nicht fertig ist. Ich muss überlegen wofür wir das wenige Geld ausgeben – Essen, ein Paar Schuhe, Schule…

Gott sei Dank bin ich fast nie krank.

Hoffentlich finden sich Menschen, die uns unterstützen können. Ich schäme mich, Almosen zu erbitten. Aber es wäre eine große Hilfe. Auch wenn es nicht viel ist. Vielleicht etwas. Das wäre auch eine große Motivation für Jose Luis, dass es Menschen gibt, die ihm was zutrauen, an ihn glauben. Sein Traum, studieren, Deutschland… Ich hoffe ja nicht, dass er so weit weg geht… aber dass sein Traum vom Studium sich erfüllt, das hoffe ich!

Christiane: Mary, danke! Ja, das hoffe ich auch, das hoffe ich wirklich!”

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Reichen 6 Jahre Schule, um die Welt gerechter zu machen?

Am 27. Januar 2014 schrieb Stefan, der das Interview mit Maria schon vorab lesen durfte, folgenden Beitrag in Christianes Blog:

Stefan„Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,
mein Name ist Stefan Ulrich. Christiane, die uns hier so anschaulich und interessant berichtet, ist meine Schwester. Über den Jahreswechsel kehrte auf dem Blog etwas Ruhe ein. Christiane war auf Reisen und wird uns an dieser Stelle davon sicher bald berichten. Bis es soweit ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Eure Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zu lenken.

Wie Ihr sicher alle wisst, ist Christiane nicht zum ersten Mal in Mexiko. Bereits von Januar bis April 2012 lebte und arbeitete sie im Hogar in San Cristóbal.

Damals berichtete sie vom Leben dort in Rundmails. Am 18. Februar 2012 erzählte Christiane zum ersten Mal von einem Jungen, José Luis. Ein besonderer Junge, der mit seinen damals 12 Jahren lieber einen Ausflug in eine Bibliothek machen wollte als ins Kino oder in ein Fast-Food-Restaurant zu gehen. Und zwar, weil er sich etwas wünschte: Er hatte sich vorgenommen, die Welt gerechter zu machen. Er wusste auch schon, wie er das schaffen könnte – vielleicht, indem er einmal Jura studiert.

Als Christiane in ihrem Blogbeitrag vom 03. Oktober 2013 wieder über José Luis schrieb, erinnerte ich mich sofort an ihre Rundmail vom Februar 2012. Na klar, dieser Junge ist immer noch da, seine Situation ist immer noch dieselbe wie vor zwei Jahren. Er ist immer noch wissbegierig, hat Zukunftspläne und kann sie nur verwirklichen, wenn er sich dafür eine gute Ausgangsposition schafft. Alles steht und fällt für ihn offenbar mit seiner Schulausbildung, ob es ihm gelingt, einen höheren Schulabschluss zu schaffen.

Sicher habt Ihr als aufmerksame Leserinnen und Leser dieses Blogs aber bereits mitbekommen, dass es für José Luis´ Mutter Maria als alleinerziehende Indigena ein großes Problem darstellt, die Schulausbildung ihres Sohnes zu finanzieren.

Wie kann das sein, wo es doch heißt, in Mexiko sei die Schulbildung kostenlos (siehe z.B. hier: http://www.mexiko.mx)?

Wie alle wissen, die Kinder haben, ist es auch in Deutschland nicht damit getan, die Kinder einfach in die Schule zu schicken. Damit sie dort hinkommen, brauchen sie eine Monatskarte, das Schulessen gibt es nicht umsonst, Bücher, Hefte, Stifte, Klassenfahrten – da kommt einiges an Kosten zusammen. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in Mexiko gibt es bei uns aber jeden Monat Kindergeld ( Maria erhält nur ca. 50 Euro Kindergeld – aber im Jahr!), und wenn die deutsche Familie ein geringes Einkommen hat, gibt es z.B. die Bücher und das Schulessen umsonst sowie Zuschüsse für Klassenfahrten usw.

Diese Kosten fallen natürlich auch in Mexiko an, hinzu kommt dort auch noch eine Schuluniform, die jeder selbst finanzieren muss. Ein System der Sozialhilfe wie in Deutschland existiert in Mexiko nicht.

Ich habe auch erfahren, dass es in Mexiko nur eine 6-jährige Schulpflicht gibt. Warum wohl nur 6 Jahre? Weil dann viele Kinder bereits zum Familienunterhalt beitragen müssen, d.h. konkret, sie müssen arbeiten gehen. Besonders gilt dies für die Kinder der indigenen Völker. Laut Informationen die ich im Internet fand, gehen im Bundesstaat Chiapas ca. die Hälfte dieser Kinder überhaupt nur 3-5 Jahre zu Schule, erreichen also noch nicht einmal 6 Schuljahre (siehe z.B. hier, wobei die Zahlen bereits etwas älter sind: www.mexiko-mexiko.de).

José Luis hatte Glück, er konnte die gesamten 6 Jahre die Schule besuchen. Bald kommt seine Schwester aber auch in die Schule, wird Maria dann noch genug Geld haben, um auch ihn weiter in die Schule zu schicken? Und ginge er weiter zu Schule, dann könnte er nicht arbeiten und nichts zum Familieneinkommen beitragen.

Ein doppeltes Dilemma, und es liegt auf der Hand, was passieren wird: José Luis wird kein Jurist sondern sucht sich spätestens mit 15 Jahren einen Job, um seine Mutter, seine kleine Schwester und sich durchzubringen.

Aber was wird dann aus José Luis Traum, später einmal die Welt gerechter zu machen?

Wäre es nicht wunderbar, wenn er wirklich ein Anwalt werden würde und sich dafür einsetzen könnte? Vielleicht könnte er ein Politiker werden und etwas für die Verbesserung der Situation der indigenen Völker Mexikos tun!

Was steht zwischen diesem Traum und der Situation, in der sich José Luis und seine Familie derzeit befinden?

Dazwischen stehen für die nächsten 5 Jahre pro Monat zunächst einmal etwa 120 Euro.

120 Euro, also ca. 2150 Mexikanische Pesos für die Fahrt zu Schule, für eine Mahlzeit, für die Schuluniform, für Bücher … (die jährlich steigenden Preise mal nicht berücksichtigt – z.B. sind zum Anfang des Jahres 2014 fast alle Preise um 16 % gestiegen…)

Niemand weiß, was in 5 oder 6 Jahren sein wird. Vielleicht würde José Luis dann nicht Anwalt sondern Mathematiker werden wollen. Oder er würde vielleicht doch nicht studieren – wer weiß das schon. Eines aber ist schon heute klar: José Luis wird in 5-6 Jahren gar nicht erst die Chance haben, sich für oder gegen ein Studium zu entscheiden, wenn er seine Schulausbildung jetzt nicht fortsetzen kann.

Christiane und ich haben deshalb überlegt, ob man da nicht etwas tun könnte. Ich darf schon einmal ankündigen, dass Christiane in den kommenden Tagen zu diesem Thema einen längeren Beitrag hier ins Blog setzen wird. Und dann sehen wir mal, was noch so passiert. Also bleibt bitte dran und lest weiter auf http://hebammechiapas.wordpress.com

Beste Grüße 
Stefan”

Was dann passierte

Passiert ist, dass wir diese Website gebaut haben und Dich um Mithilfe baten.

Vielen Dank, dass Du bis hierher gelesen hast!